My Tinder Universe: oder die Geschichte vom ominösen Online-Dating

Du willst wissen, was Tinder und Co. eigentlich mit dir machen und in die tiefsten Abgründe der neuen Dating-Ära blicken? Dann bitte hier entlang...

Katja Kühn

24. März 2022

Ich lass jetzt mal die Katze aus´m Sack – ich bin seit letztem Jahr Mai von meinem Mann getrennt und lebe nun in den letzten Zügen vor der Scheidung mit Kids ein paar Aufgänge weiter in eigener Hütte.

Schlimm? Ne, gar nicht. Paare kann ich nicht? Stimmt auch nicht, denn manchmal muss man einfach einsehen, dass es keinen Sinn hat zu kämpfen und man sich selbst nur kaputtmacht. Das ist bei weitem nicht bei allen so, aber es passiert. Dann ist es besser für Kids, den eigenen Po und Co. die Reißleine zu ziehen und das Beste aus der Misere zu machen. Aber ich schweife ab, denn das soll hier nicht Thema sein. Sondern Tinder, Lovoo, Badoo, Bumble und wie Sie nicht alle heißen, die fetzigen Online-Dating-Portale der neuen Generation. Denn Fakt ist: heutzutage wird Online nach dem Seelenpartner gesucht (Ironie aus). J

Doch was haben Tinder und Co. gemeinsam und warum schießen diese Portale gerade wie Pilze aus dem Boden? Ganz einfach: es wird mit den Urtrieben der Menschen gespielt und damit verkauft was das Zeug hält. Diese Art von neuer „Schaufenster-Aussuch-Nummer“ spricht einfach die ureigensten, animalischen Triebe und die Ursehnsüchte der Menschheit an – und das auf beiden Seiten! Denn was brauchen wir eigentlich? Nähe. Was wollen wir alle, seitdem wir das Licht der Welt erblickt haben? Liebe. Was bekommen wir? Fuckboys und Scammer – und wir tun es trotzdem immer wieder. Wir swipen uns die Fingerkuppen wund, hoffen und bangen und beten und werden doch wieder verarscht. Denn irgendwo gibt es dann doch diese kleinen Sternenfunken, wo es den Einen zur Einen getrieben hat und die jetzt das Hollywood-Märchen schlechthin leben. Will ich auch. Doch lasst uns hinter die Kulissen schauen, was passiert da eigentlich mit uns?

Macht mal die Augen zu und stellt euch vor: ihr seid gerade frisch getrennt (na kommt euch bekannt vor?), ihr fühlt euch leer, einsam, verletzlich und irgendwie auch wie ein hässliches Entlein, denn der Schwan wollte euch einfach nicht mehr (ok manchmal wolltet ihr auch den Schwan nicht mehr, der Effekt ist aber der gleiche: ihr liebt euch selbst gerade nicht!). Dann kommt Tinder mit dem Zauber-Swipe. Auf einmal habt ihr eine Art Katalog vor euch, der euch lauter hübsche, durchtrainierte, vermeintliche Single-Boys zeigt, die ihr „nur“ matchen müsst, um Sie in euer Herz und euer Whatsapp zu lassen. Tinder suggeriert euch, dass ihr die ALLE, aber auch wirklich ALLE haben könnt. Ihr müsst nur liken und matchen. Eigentlich ganz einfach. Funktioniert auch. Bis man dann nach ein paar Nachrichten die ersten Dick-Pics bekommt und merkt, dass der neue Traumprinz, doch nur auf ´ne schnelle Nummer aus ist. Versteht mich nicht falsch, das muss jeder selbst wissen, wonach er „sucht“, ich will das hier nicht verurteilen. Ich aber habe da eigentlich schon etwas ganz anderes vermisst und gewollt: ECHTE Nähe. Konstantes. Doch Tinder hat auch mich gekriegt. Auch ich bin in die Katalog-Falle gelaufen und dachte immer: schnell swipen, mit dem neuen Date läuft es holprig, da kommt bestimmt gleich noch was Besseres. Gemein. Für mich selbst und meinem Gegenüber. Denn was man eigentlich dabei aus den Augen verliert ist sich selbst. Seine eigene Selbstliebe und Achtung, weil man viel zu sehr damit beschäftigt ist sich anzupreisen und zu gefallen. Gefallen zu wollen. Nebenher hat man haushoche Erwartungen, die das Gegenüberlein eigentlich gar nicht so rasch erfüllen kann. Man ist so beschäftigt mit der Suche nach Mr. Right, dass kleine Unwegbarkeiten gleich zu großen Schluchten werden. Das ist tückisch, denn mal ganz ehrlich – in unserem Alter hat ein jeder sein Päckel zu tragen. Sonst wären wir ja nicht Single sondern immer noch in trauter Zweisamkeit. Wir haben negative (natürlich auch positive) Erfahrungen gemacht, die uns geprägt und verändert haben. Die uns teilweise bissig und kalt haben werden lassen. Wir sind halt keine 16 mehr und leben die Liebe wie im Drogenrausch, wir fangen an nach dem 1. Date die weitere Reise zu planen. Wir wollen Unverbindlichkeit und dennoch Sicherheit. Wir wollen heiße Typen, die aber nur uns allein wollen und wir wollen natürlich Hollywood. Kann gar nicht funktionieren. Wie soll denn auch das allerbeste Match damit klarkommen? Was ist also mein Rat an euch? Versucht loszulassen.  Versucht den Anfang, die Mitte und das Ende einfach zu genießen. Versucht, es so einfach und locker und leicht wie möglich zu halten. Versucht einfach das große CARPE DIEM! Das heißt nicht umsonst so J Doch achtet auf eure eigenen Grenzen, tut nix, was ihr eigentlich nicht wollt, nur um ein bisschen Nähe zu behalten. Das nimmt euer Gegenüberlein auch wahr und euch damit selbst nie ernst. Versucht auch nach eurer Trennung Zeit für euch selbst zu genießen und zu nutzen. Habt euch selbst lieb. Nehmt wahr, wie toll ihr eigentlich seid. Gerade nach toxischer Zweisamkeit ist das oft auch wirklich gar nicht so einfach. Doch versucht es. Bleibt dran, denn ihr seid es wert. Erkennt euren Selbstwert neu. Macht Dinge, die euch Energie geben und nicht rauben. Umgebt euch mit Menschen, die euch gernhaben und euch stützen. Genießt die Sonne – und das nicht nur beim Tindergarten-Spiel. Nehmt Stift und Papier in die Hand und eskaliert mal so richtig (Anm. d. Red.: wer sich allein nicht traut, kann mich gern als 1. Hilfe einschalten). Nehmt euch als Individuum wahr, nicht nur als Ex-Partner, Partner, Mama oder Papa. Seid ihr selbst. Erkennt was eure wahren Bedürfnisse und Wünsche sind. Fangt wieder an zu träumen. Baut Traumschlösser im Kopf und kommt so Stück für Stück zurück in eure eigene Kraft. Ihr seid toll. Seht das bitte selbst. Nur dann kann es auch das Gegenüberlein. Ihr wisst wie das läuft mit dem Spiegel. Was man ausstrahlt, bekommt man zurück. Wenn ihr das nicht allein schafft, ist das nicht schlimm, sondern menschlich. Dann holt euch Hilfe, um aus dem Trauertal zu kommen. Wie auch immer die aussieht. Ihr allein, seid der erste und einzig mögliche Schritt zur Veränderung. Das kann keiner für euch übernehmen. Nicht mal Tinder. J

Ich geh das jetzt auch machen und bin mich dann mal ins Glück swipen ;)

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